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Den Restaurationsstandort Torstraße (ehemals
Lothringer Straße bzw. Wilhelm-Pieck-Straße) 60 gibt es seit
1890. Erinnerlich ist, daß sich in den zwanziger Jahren hier ein
eher anrüchiges Lokal namens "Café Lido" befand.
Mit der Séparéekultur hatte es dann im Dritten Reich sein
Ende. 1936 übernahm die Familie Burger das Lokal, daher auch der
Name Kaffee Burger, der anheimelnde Fraktur-Schriftzug an den Fenstergittern
stammt allerdings aus den fünfziger Jahren. Die Schreibung "Kaffee" war eine Eigeninitiative des Schlossers. Nach dem Tod ihrer Eltern führte
Frau Uta Burger das Lokal weiter. Bis 1945 gehörte das obere Stockwerk
noch zum Burger, eine Wendeltreppe an Stelle der heutigen Damentoilette
führte in den Billardsalon. Im Keller befand sich eine Konditorei.
Bis zum Tanzverbot Anfang der vierziger Jahre wurde im Kaffeehaus geschwooft,
und natürlich auch wieder, als man in die Hände spuckte. Später
stand die obere Etage im wesentlichen leer und wurde über Jahre von
der Stasi als Observationsposten für den Protokollstreckenknotenpunkt
Schönhauser Tor genutzt.
In den siebziger Jahren entwickelte sich das Burger zu einer Szene-Kneipe,
was allerdings nicht bedeutete, daß sich hier nur eine wie auch
immer geartete "Szene" aufhielt, sondern die Stamm- und Laufkundschaft
mit mehr oder weniger berüchtigten Kulturschaffenden durchsetzt war.
Die Theaterleute der nahe gelegenen "Volksbühne" gehörten hierbei schon zu den Stammgästen, zu denen sich die
ewigen "jungen Autoren" Heiner Müller, Thomas Brasch, Lothar
Trolle und andere Dramatiker gesellten. Die Schriftsteller und Dichter
Adolf Endler, Klaus Schlesinger, Ulrich Plenzdorf und Frank-Wolf Matthies,
die hier in der Nähe wohnten, kehrten ebenso ein, wie die Schauspielerin
Katharina Thalbach oder die Sängerin Bettina Wegner. Insbesondere
Adolf Endler und Frank-Wolf Matthies haben das Burger in ihren Erzählungen
thematisiert. Ab 1976 war hier auch ein Treffpunkt für die politischen
Dissidenten und Ausreisenden in spe. 1979 riet eine der zahlreichen zuständigen
Behörden dringend zu einer gründlichen, und somit in DDR-Verhältnissen
langwierigen, Renovierung, um den Pfuhl des Anstoßes trockenzulegen.
Die "Szene" zog um ins "Fengler" in der Lychener
Straße, ins "Wiener Café" in der Schönhauser,
ins "Mosaik" in der Prenzlauer Allee und andere Winkellokale
das Burger war die Intellektuellen jedenfalls los, sie wurden hier
auch bis 1999 nicht mehr heimisch. Was blieb, waren die Velourstapeten,
die Spundbrettverkleidungen und die Muschebubu-Lichtinstallation, die
bis auf den heutigen Tag behutsam restauriert werden. In den achtziger
Jahren war das Burger auch ohne Querulanten so voll wie jede andere DDR-Kneipe.
In den neunziger Jahren hat Frau Burger die Stellung gehalten und verhindert,
daß sich Spielotheken, Nobelrestaurants, Friseure, Apotheken und
ähnlich Irrelevantes einnisten.
1999 übernahm eine leicht unfrische Betreibertrinität das Lokal
aus den trauten Händen von Uta Burger, die ebenfalls in Rente ging.
Karl-Heinz Heymann, der mittelfristige DEFA-Hase und Wirt eines Lokals
für schwierige Fälle mit dem ausgefallenen Namen "Winsenz",
putzigerweise in der Winsstraße gelegen, brachte das gastronomische
"Gewußt Wie" mit, unter dem die beiden anderen Betreiber,
der Ex-UPS-Feldmarschall Uwe Schilling und die dichtende Lederjacke Bert
Papenfuß, so lange gelitten hatten. Papenfuß, in seiner Freizeit
sinnloser Zeitschriftengründer, und Schilling waren alte SKLAVEN-Markt-Nasen,
die ohnehin ein neues Domizil für ihre schmierenliterarischen Ambitionen
suchten. Der SKLAVEN-Markt war seit 1995 als öffentliches
Podium der Autoren der 1994 gegründeten Zeitschrift SKLAVEN (ab 1998 "SKLAVEN Aufstand", seit 1999 "GEGNER") in
diversen erlebnisgastronomischen Institutionen des Prenzlauer Bergs auf
Tour, und stand 1999 vor dem substantiellen und zwischenmenschlichen Aus.
Sie dachten, in einem neu zu gründenden Laden würde alles besser,
wurde es dann ja auch, bloß noch schlimmer.
Nach kurzem Tresenumbau eröffnete die Tanzwirtschaft Kaffee Burger
am 10. November 1999 unter der Devise "Prenzlauer Berg jetzt auch
in Mitte". Das Kulturprogramm bekam den blöden Namen "Salon
Brückenkopf", der als Reaktion auf die gerade grassierende Salonschwemme
gedacht war, seinen Zweck erfüllte und im September 2000 in Vergessenheit
geriet und mit Einrichtung der Website durch Thomas Massow und Tom Platt
mehr oder weniger gewollt wieder aufs Tapet kam. Kurz darauf wurde der
ehemalige Frauenruheraum gegenüber dem Bierausschank für den
Publikumsverkehr geöffnet. Der Rest ist Sittengeschichte.
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